Die Wein- und Brandyproduktion in Aserbaidschan ist 2025 deutlich zurückgegangen. Von Januar bis November sank das Produktionsvolumen von Wein um rund fünfzig Prozent, bei Brandy und Whisky verzeichnete die Branche ähnliche Werte. Auch die Exporte gingen im Wert und in der Menge deutlich zurück. Diese Entwicklung ist umso spürbarer, da der Sektor stark von Auslandsnachfrage und Tourismus abhängig ist, die beide in diesem Jahr geschwächt waren.
Gleichzeitig befindet sich der Weinbau in Aserbaidschan in einer widersprüchlichen Lage: Auf der einen Seite gab es in den vergangenen zwanzig Jahren sichtbaren Fortschritt. Nach dem Einbruch in den 1990er Jahren wurden neue Weinberge angelegt, moderne Verarbeitungsbetriebe eröffnet und staatliche Förderprogramme eingeführt. Die bewirtschaftete Rebfläche ist von rund 3.500 Hektar Anfang der 2000er Jahre auf heute etwa 17.000 Hektar gestiegen. Auf der anderen Seite wurden die strategischen Ziele bei weitem nicht erreicht. Offizielle Programme sahen vor, bis 2020 mindestens 50.000 Hektar zu schaffen und hohe Produktionsmengen zu erzielen – dieses Niveau ist in weiter Ferne.
Ein zentrales strukturelles Problem liegt in der Zusammensetzung der Rebflächen. Nur gut 5.000 Hektar sind mit technischen Sorten bepflanzt, die für die Weinherstellung geeignet sind. Der Grossteil entfällt auf Tafeltrauben, die sich eher für den direkten Verkauf eignen. Für viele kleine Betriebe ist der Anbau von technischen Sorten wirtschaftlich schwer tragbar: Pflegemassnahmen, Pflanzenschutz, Qualitätsreben, Technik und Arbeitskräfte verursachen hohe Kosten. Ohne funktionierende Kooperativen, ohne stabile Lieferketten und ohne transparente Mindestpreise bleibt das Risiko hoch. Viele Winzer berichten, dass sie ihre Trauben nicht regelmässig oder nur zu niedrigen Preisen absetzen können.
Steigende Verbrauchssteuern belasten zusätzlich den Binnenmarkt. Für 2026 sind weitere Erhöhungen vorgesehen, die den Konsum dämpfen dürften. Gleichzeitig bleibt Russland der wichtigste Exportmarkt, was die Branche verwundbar macht. Politische Spannungen oder wirtschaftliche Schwankungen wirken sich schnell auf Liefermengen und Nachfrage aus. Rückgänge im Tourismus verstärken den Druck: Ausländische Besucher waren traditionell eine wichtige Käufergruppe, insbesondere in Regionen mit Weinerlebnistourismus.
Trotz der aktuellen Schwierigkeiten gibt es Perspektiven. Neue Anbauflächen, unter anderem in Karabach und anderen Regionen, sollen die Rebfläche mittelfristig auf über 23.000 Hektar erweitern. Die Produktion könnte damit wieder wachsen, ebenso die Sortenvielfalt. Zugleich fördern staatliche Programme den Export: Märkte in Osteuropa und Asien bieten Potenzial, wenn Qualität, Markenauftritt und Vermarktung weiterentwickelt werden.
Entscheidend wird sein, ob es gelingt, den Sektor breiter aufzustellen. Dazu gehören stärkere Kooperationsmodelle für kleine Betriebe, Investitionen in moderne Technik, Transparenz im Rohstoffmarkt sowie die Förderung technischer Sorten. Eine breitere Exportstrategie und neue Verkaufsmodelle im Inland – etwa Verkostungen, Festivals und direkter Vertrieb – können zusätzlich helfen, die Branche zu stabilisieren.
Damit steht der Weinbau in Aserbaidschan an einem Wendepunkt: Die Branche besitzt historische Tradition, wachsendes Know-how und geografische Vorteile. Gleichzeitig erschweren strukturelle Defizite, Marktunsicherheiten und fehlende Skalierung die Entwicklung. Ob aus dem vorhandenen Potenzial nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit entsteht, hängt nun von der Fähigkeit ab, Hemmnisse konsequent anzugehen und Chancen strategisch zu nutzen.


