In Deutschland ist eine einzigartige Monografie von Elmir Mirzoev erschienen

Elmir Mirzoev

Im akademischen Verlag transcript Verlag in Bielefeld ist die Monografie „Zwischen Moderne und Archaik. Transregionale Spannungen in der Musikkultur Aserbaidschans im 20. Jahrhundert“ veröffentlicht worden, berichtet die aserbaidschanische staatliche Nachrichtenagentur AZERTAC.

Der Autor – Komponist, Musikwissenschaftler und Publizist Elmir Mirzoev, der in Deutschland lebt und arbeitet – beleuchtet darin die Widersprüche zwischen Archaik und Moderne, Religiösem und Säkularen sowie zwischen ost-eurasischen und westeuropäischen Einflüssen, die durch die geokulturelle Lage Aserbaidschans bedingt sind. Das Buch ist auf Deutsch erschienen.

Im Gespräch mit einem AZERTAC-Korrespondenten erläuterte Elmir Mirzoev die Hintergründe seiner Arbeit.

– Herr Mirzoev, welche Hauptidee wollten Sie den Lesern vermitteln?

– Die Idee entstand über viele Jahre hinweg, bevor sie Gestalt in einer geschlossenen Studie annahm. Das Hauptziel bestand darin, eine interdisziplinäre Analyse zu schaffen, die den Lesern die Einzigartigkeit der aserbaidschanischen Kultur vermittelt – einer Kultur, die sich in den letzten 200 Jahren unter dem Einfluss historisch-politischer und sozio-kultureller Prozesse in der Region herausgebildet hat. Kurz gesagt: Unsere säkulare Kultur ist eine vielschichtige zivilisatorische Synthese, die stark vom geographischen Determinismus geprägt ist. Daher auch der Titel des Buches – „Zwischen Moderne und Archaik“.

Die Monografie analysiert transregionale Faktoren, die eine Schlüsselrolle bei der Herausbildung der aserbaidschanischen Musikkultur des 19. und 20. Jahrhunderts spielten. Diese Faktoren traten durch komplexe Wechselwirkungen, Konfrontationen und Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen geokulturellen Vektoren in Erscheinung. Das geopolitische Umfeld erzeugte einen besonderen „zivilisatorischen Druck“, unter dessen Einfluss unsere aufgeklärte intellektuelle Elite entstand. Sie legte die Grundlagen der säkularen Kultur Aserbaidschans und initiierte den Prozess der nationalen Selbstbestimmung, der letztlich zur Staatsgründung Anfang des 20. Jahrhunderts führte. Unsere neue Musik, deren Begründer der grosse Üzeyir Hajibeyli ist, spielte in diesem Prozess eine bedeutende Rolle. Seinem 140. Geburtstag ist diese Monografie gewidmet.

– Wie verlief die Arbeit am Material?

– Als ich 2019 meine Tätigkeit an der Humboldt-Universität zu Berlin begann, war in meinem Vertrag auch die Verpflichtung enthalten, eine wissenschaftliche Arbeit zu einem freien Thema zu verfassen. Damals beschloss ich, die lang gehegte Idee zu verwirklichen: die Geschichte unserer Musik aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – durch das Prisma ausser­musikalischer Faktoren. Die Arbeit erwies sich als komplex und erstreckte sich über mehrere Jahre.

Mein Hauptkriterium bei wissenschaftlicher Arbeit ist Kürze, Klarheit und Präzision – der Versuch, die Quintessenz des Gedankens in möglichst einfacher Form zu vermitteln. Doch wenn man in einer bestimmten Sprache schreibt, muss man ihre Eigenheiten und den kulturellen Kontext berücksichtigen: Was uns selbstverständlich erscheint, erfordert für eine andere Leserschaft zusätzliche Erläuterungen und ausführlichere Kommentare.

– Das Buch ist auf Deutsch erschienen. Planen Sie Übersetzungen in andere Sprachen?

– Natürlich wäre es wunderbar, eine Übersetzung in meine Muttersprache zu sehen. Aber im Moment betrachte ich die Übersetzung ins Englische als vorrangig, da dies heute die wirklich globale Sprache ist.

– Wie gross ist das Interesse an der Geschichte der aserbaidschanischen Musik im Ausland?

– Ehrlich gesagt, und zu meinem grossen Bedauern, ist die aserbaidschanische Musik im Westen wenig bekannt. 2018, zum 80. Jubiläum der Oper „Köroglu“ von Üzeyir Bey, habe ich erstmals an der Humboldt-Universität eine Vorlesung über dieses grandiose Werk gehalten – über seine einzigartige Entstehungsgeschichte, darüber, wie es buchstäblich seinen Schöpfer rettete, was an sich ein aussergewöhnlicher Fakt in der Weltmusikgeschichte ist. Natürlich habe ich auch versucht, die beeindruckende Biografie dieses genialen Menschen – Komponisten, Musikwissenschaftlers, Publizisten, Pädagogen und öffentlichen Intellektuellen – zu vermitteln und die dramatischen Wendungen seiner Beziehungen zur Macht darzustellen.

Nach der Vorlesung fragten viele Zuhörer: „Wo kann man diese Oper sehen? Wurde sie jemals in Berlin aufgeführt?“ – Darauf wusste ich keine Antwort. Man stelle sich vor: Ein Werk von solchem Ausmass wurde noch nie auf einer europäischen Bühne präsentiert!

Mein Traum war es, „Köroglu“ zum diesjährigen Jubiläum von Üzeyir Bey an der Staatsoper Berlin zu sehen. Und ich hoffe aufrichtig, dass wir diesen Plan spätestens zu seinem 150. Geburtstag verwirklichen können.

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