Der Beitrag von Heike Maria Johenning „Auf den Spuren der europäischen Architektur in Baku“, erschienen im Magazin Erbe im Herbst 2024, ist ein fein komponierter kulturhistorischer Essay, der zeigt, wie europäische Architektur über mehr als ein Jahrhundert hinweg das visuelle Erscheinungsbild und die kulturelle Identität Bakus geprägt hat. Die Autorin verdeutlicht, dass der architektonische Raum der aserbaidschanischen Hauptstadt nicht nur das Ergebnis des Ölbooms ist, sondern Ausdruck einer vielschichtigen Synthese europäischer Formen mit lokalen Materialien, klimatischen Bedingungen und einer eigenständigen künstlerischen Wahrnehmung.
Das Baku des frühen 20. Jahrhunderts, das sich im Sog des rasanten Ölbooms befand, wurde zu einem Labor architektonischer Experimente, in dem Neogotik, Neorenaissance, Jugendstil und orientalische Ornamenttraditionen miteinander verschmolzen. Architekten aus Polen, Deutschland, Belgien, Österreich und Frankreich, die meist über Sankt Petersburg in die kaspische Metropole kamen, brachten den Geist europäischer Urbanität in die Halbwüste. Der lokale Kalkstein Aghlay und die Kunst der Bakuer Steinmetze verliehen den importierten Stilen eine unverwechselbare Formensprache. Johenning beschreibt mit Sinn für Detail, wie der neogotische Palast des Ölmagnaten Murtuza Mukhtarov, errichtet als Geschenk an seine Frau, zu einem Symbol persönlicher romantischer Architektur wurde, während die Philharmonie, inspiriert vom Casino von Monte Carlo, europäische Eklektik mit östlicher Ornamentik vereint – mit minarettartigen Türmen und einer Kuppel, die an eine maurische Moschee erinnert.
Ein besonderes Augenmerk legt die Autorin auf Haji Zeynalabdin Taghiyev, einen der ersten aserbaidschanischen Mäzene und Gestalter der Stadt. Sein Palast, entworfen vom polnischen Architekten Józef Gosławski, verkörpert den ästhetischen Dialog zwischen Orient und Okzident: Jugendstil, Marmor, Gold und maurische Motive verschmelzen zu einer harmonischen Einheit, die den Geschmack der Epoche widerspiegelt. In solchen Bauten, schreibt Johenning, verwandelte sich die europäische Form durch lokale Handwerkskunst. Während in Europa Ornamente meist aus Gips oder Beton gefertigt wurden, meisselten die Bakuer Handwerker sie direkt aus Stein – eine Kunst, die den Fassaden Plastizität und Lebendigkeit verlieh.
Der europäische Einfluss zeigte sich nicht nur in der Architektur, sondern auch in der städtischen Ökologie. Johenning erinnert daran, dass der Deutsche Roman von der Hofen die Idee zur Begrünung Bakus hatte, die später von den Brüdern Nobel umgesetzt wurde. Unter ihrer Leitung wurden Schwarzerde und Pflanzen aus Europa und Russland herbeigeschafft, wodurch aus der kargen Ebene grüne Oasen entstanden. Der britische Ingenieur William H. Lindley konzipierte ein einzigartiges Wasserversorgungssystem mit deutschen Porzellanrohren, dank dem die Halbwüstenstadt erblühte. Architektur, Ingenieurskunst und Natur verbanden sich so zu einer Einheit – dem charakteristischen Bild des bakuischen Jugendstils.
Besonders fein analysiert Johenning die Ankunft des Jugendstils, der um 1900 zum Symbol einer neuen europäischen Ästhetik wurde. Mit seinen organischen Linien, floralen Ornamenten und asymmetrischen Formen fand dieser Stil im Kaukasus einen fruchtbaren Boden. Lokale Meister, die seit Jahrhunderten Moscheen mit Muqarnas und arabesken Mustern schmückten, übertrugen ihr Wissen auf die weltliche Architektur und schufen einen einzigartigen „kaukasischen Jugendstil“. Johenning führt eindrucksvolle Beispiele an: das Wohnhaus von Agha Musa Naghiyev mit eleganten Erkern und Magnolienornamenten, den Palast Taghiyevs mit Lilien als Symbol der Schönheit und Vergänglichkeit sowie Banken und Mietshäuser, deren Fassaden von Kastanien, Pinienzapfen und grotesken Masken europäischer Herkunft belebt werden.
Im letzten Teil richtet Johenning den Blick auf das 21. Jahrhundert und zeigt, dass das europäische Erbe in der Architektur Bakus bis heute fortwirkt. Die Flame Towers, entworfen vom Londoner Büro HOK Architects mit der Ingenieursleistung des Deutschen Werner Sobek, symbolisieren die neue Identität des Landes – das „Land des Feuers“, in dem Technologie und Ästhetik zu einem ikonischen Zeichen verschmelzen. Ähnliche europäische Bezüge klingen im Teppichmuseum des österreichischen Architekten Franz Janz an, ebenso wie im Masterplan der White City, der vom britischen Büro Atkins entworfen wurde. Diese Projekte belegen, dass der architektonische Dialog zwischen Europa und Aserbaidschan nicht mit dem Ende der Imperien verstummte, sondern sich in der Sprache der globalen Moderne fortsetzt. Höhepunkt dieses Prozesses ist für Johenning das Heydar-Aliyev-Zentrum – eines der letzten Werke von Zaha Hadid, das die Idee der „liquid architecture“ verkörpert, in der Linien fliessen und Räume ineinander übergehen, als würde die Architektur selbst atmen.
Abschliessend beschreibt Heike Maria Johenning Baku als Stadt dreier konzentrischer Ringe – den islamischen Altstadtkern, die europäische Gründerzeitstadt des Ölbooms und den sowjetischen Industriekranz. In diesem vielschichtigen Raum, in dem sich Orient und Okzident nicht widersprechen, sondern gegenseitig bereichern, entsteht eine einzigartige visuelle und kulturelle Ganzheit. Die Autorin zitiert den deutschen Schriftsteller Stephan Wackwitz, der Baku mit Paris vergleicht – einer Stadt, in der über Jahrhunderte hinweg eine seltene architektonische Einheit erhalten blieb. In Johennings Deutung ist dies mehr als eine ästhetische Beobachtung: Es ist der Beweis eines kulturellen Phänomens. Baku ist die Stadt, in der Europa und der Orient eine gemeinsame Sprache aus Stein, Licht und Harmonie gefunden haben.


